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Yad Vashem

Während ich mich intensiv mit dem Thema der Shoah beschäftigte, stolperte ich häufiger über den Namen der Internationalen Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem. Irgendwann fasste ich den Entschluss, dass ich nach Israel muss, um die Gedenkstätte zu sehen. Nachdem ich mir das einmal in den Kopf gesetzt hatte, konnte mich keiner mehr davon abhalten, also plante ich eine vierwöchige Israelreise im Oktober 2019.

In der dritten Woche reiste ich nach Jerusalem und besuchte dann die Gedenkstätte. Auf der Hinfahrt hatte ich einen großen Knoten im Hals. Ich war aufgeregt und hatte Sorge, dass etwas schief geht oder dass es mir danach nicht gut gehen wird. Von der Bahnstation musste man noch eine Weile laufen, um Yad Vashem zu erreichen, dafür wurde man dann mit diesem Blick belohnt.

Das Museum der Gedenkstätte befindet sich in dem dreieckigen Gebäude in der Mitte des Fotos. Dieses besichtigte ich mithilfe eines Audioguides. Als ich das Gebäude betrat, ahnte ich noch nichts vom Ausmaß der Ausstellung. Sie ist riesig und beleuchtet ausführlich das vor, während und nach des Zweiten Weltkrieges und der Shoah. Die Ausführlichkeit und der Aufbau der Ausstellung sind beeindruckend und schaffen es, die Vergangenheit lebendig und eindrücklich nachzuzeichnen, sodass man sich wie ein*e Zeitreisende*r fühlt. Dabei wird man jedoch ziemlich mit Informationen vollgestopft, obwohl ich sagen muss, dass ich das meiste schon wusste. Dadurch hatte ich zunächst das Gefühl, nicht überfordert zu werden, weil vieles Wiederholung oder Vertiefung war. Doch an zwei Stellen merkte ich, dass dem nicht so war. 

Ein Raum der Ausstellung widmet sich dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und dort wurde mir unglaublich schlecht. Alles begann sich zu drehen und ich fing an zu weinen. Der Anblick des grausamen Schriftzuges und des Modells, welchen den abscheulichen Prozess des Vergasens und Verbrennens darstellte, war zu viel für mich. Ich schämte mich, hier in Israel zu stehen und diese Nachbildungen zu betrachten. Ich schämte mich, obwohl mich keine Schuld trifft. Ich schämte mich, weil ich Deutsche bin. Ich schämte mich wegen all meiner Privilegien. 

Die Halle der Namen 

Für den zweiten Moment der Überforderung sorgte der letzte rundangelegte Raum der Ausstellung. Im Wesentlichen besteht er aus vier Komponenten: In der Mitte war ein tiefes Loch, um welches sich eine Plattform für die Besucher*innen spannte. Darüber hing ein mit Fotos bedruckter großer Kegel. Die Wände bestanden aus Regalen, die mit Ordnern gefüllt waren. 

Zuerst nahm ich die Fotos war. Ich konnte den Menschen darauf nicht in die Augen blicken. Zugleich war ich neugierig auf ihre Geschichte, doch ich war mir sicher, dass das Ende mir nicht gefallen würde. Unbehagen baute sich zusammen mit einer Frage auf: „Was war euer Schicksal?“. Dann viel mein Blick auf die Wände und zunächst verstand ich nicht, was das sein sollte. In meinem Museumsführer las ich deshalb nach, was dort an den Wänden stand. Es waren Ordner, in denen für jede ermordete Jüdin* und jeden ermordeten Juden* ein Gedenkblatt mit ihrer*seiner Biografie abgeheftet ist. Ich blickte wieder hoch und wurde diesmal von der Wucht der Ordner erschlagen. 

Ich drehte mich um und starrte in leere Regale. Ein Drittel der Wandregale ist nämlich leer, da nur vier der sechs Millionen Ermordeten jüdischen Glaubens bisher identifiziert werden konnten. Dieser Anblick war zu viel für mich. Ich klammerte mich am Geländer fest. Panik stieg in mir auf. Die Tränen kamen in großen Wellen und ich versuchte nicht zusammenzubrechen. Ich fühlte mich allein, weil ich es war. Mein einziger Gedanke war: „Ich brauche Hilfe.“ Doch es war keiner da. 

Plötzlich kam eine Frau auf mich zu und versuchte mir auf Englisch klar zu machen, dass ich gehen könnte, wenn es mir zu viel sei. Sie hatte recht, ich hätte mich umdrehen und gehen können und mich nicht weiter mit diesen Gefühlen auseinandersetzten brauchen. Doch das wollte ich nicht. Ich war nicht so weit gereist, um jetzt vor meinen Gefühlen und der Verantwortung davonzurennen. Mit tiefen kontrollierten Atemzügen kämpfte ich gegen die Panik und gegen die Wellen der Tränen. Immer und immer wieder sagte ich mir, dass mich keine Schuld trifft und ich ja hier bin, eben weil ich anders bin. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich die Worte auch glaubte und den Raum verlassen konnte. 

 

Kunstmuseum

In der Dauerausstellung des Kunstmuseums fand ich ein Bild, welches mich gleich beim ersten Anschauen sehr mitnahm. Als ich dann die Texttafel las, begann ich zu weinen, weil es das ausdrückte, was mich seit meiner Ankunft am meisten beschäftigte. Es war das erste Bild, was Pinchas Shaar nach der Befreiung aus dem Außenlager Königs Wusterhausen des Konzentrationslagers Sachsenhausen malte. Damals war er noch im Krankenhaus, um sich zu erholen. Die Texttafel beschreibt, wie er, ein junger Mann, dort lag, an nichts dachte und nichts wollte. Eine Pflegerin fand schließlich heraus, dass er Maler gewesen war und brachte ihm Utensilien. Nachdem er sie stundenlang anstarrte, begann er stundenlang und pausenlos folgendes Bild zu malen:

Pinchas Shaar (Szwarc) (1917-1996), Where To?, 1945, Oil on wood-panel | Yad Vashem Art Collection

Es zeigt einen Mann, der mit gesenktem Blick und eingefallener Haltung auf seinem Gepäck sitzt. Es beschreibt für mich den Moment der Befreiung, indem die Befreiten realisierten, dass sie nicht wissen, wohin sie gehen sollten. Nicht selten beschäftigen wir uns ausschließlich mit den Gräueltaten und dem Hass, welcher zwischen 33 und 45 aufblühte und widmen nicht eine Sekunde unserer Aufmerksamkeit dem Fakt, dass all das mit der Befreiung nicht einfach spurlos verschwand. Danach blieben unzählige Menschen zurück, die genesen und sich dann eine neue Heimat suchen mussten, weil ihre zerstört und inmitten einer Gesellschaft lag, die sie bereitwillig ausgestoßen, gefoltert und ermordet hatte. Viele fanden in Israel etwas, was sie am nächsten an eine neue Heimat heranbringen konnte. Ein weiterer Grund, warum ich dieses Land bereisen musste.

Kindergedenkstätte 

Vor dem Betreten der Kindergedenkstätte hatte ich große Angst, weil ich wusste, dass drinnen Tränen, Wut und Hilflosigkeit warteten. Ich hatte ehrlich gesagt langsam genug von diesen Gefühlen. Ich atmete also tief ein und lief hinein. Ich erinnere mich nur noch an das Herzstück der Gedenkstätte: 

Ich stehe in einem dunkeln Raum, umringt von kleinen Lichtern. Ich verstehe nicht, woher sie kommen und versuche durch die Dunkelheit ihren Ursprung auszumachen. Aus Lautsprechern, die ich auch nicht ausmachen kann, dröhnt eine Stimme, der ich nicht zuhören möchte, weil ihr Klang so unangenehm ist.

Doch was sie sagt, sorgt dafür, dass ich zuhören muss. Sie liest Name, Alter und Geburtsland eines der 1,5 Millionen Kinder vor, die die während der Shoah ermordet wurden. Im Raum befindet sich eine Plattform oder ein Gang, der einen im Kreis um etwas Gläsernes in der Mitte herumführt. Aus manchen Winkeln kann man hinter dem Glas Kerzen ausmachen. Ich vermute, dass die Lichter der Kerzen gespiegelt werden und so die Illusion der unzähligen Lichter erzeugen. Der Anblick lädt zum Träumen ein, doch die Stimme zerschneidet jeden positiven Gedanken. Ich laufe wie hypnotisiert im Kreis und versuche mir zu den Namen Gesichter auszudenken und ordne jedem Namen ein Licht zu. Wie vorhergesagt versinke ich in Tränen und Wut. Ich hoffe, es gibt ein Leben nach dem Tod und dass all die Kinder dort ein glückliches und sorgenloses Leben ohne Hass gefunden haben. 

Tal der Gemeinden 

„Riesige sandige Felsen, die mich erdrückten und erneut Tränen in meine Augen trieben“, schrieb ich nach dem Besuch in mein Tagebuch. Das steinige Labyrinth sorgte dafür, dass ich mich allein und furchtbar klein fühlte. Wieder einmal werde ich von der gewaltigen Ungerechtigkeit erschlagen. Auf den Felswänden stehen die Namen der über 5.000 Gemeinden, die während der nationalsozialistischen Herrschaft fast oder ganz ausgelöscht wurden.

Ich las viele bekannte Ortsnamen und musste besonders bei Oswiecim, Krakau, Warschau und Breslau schlucken, weil ich mich im vergangen Jahr am meisten mit diesen Gemeinden auseinandergesetzt habe. Ich begab mich auf die Suche nach meiner Heimatstadt: Magdeburg. Ich war mir sicher, dass der Anblick eine emotionale Reaktion in mir auslösen würde, doch die Heftigkeit überraschte mich.

Ich starrte auf die eingemeißelten Buchstaben und versuchte zu fassen, was sie bedeuten. Neun Buchstaben erinnern an das Leid und lösen in mir enorme Trauer aus. Ich konnte es nicht verhindern, dass ich mich zu dieser Gemeinde verbundener fühlte. Mich verbindet nur mein Geburtsort mit ihnen. Ich weiß nichts über sie. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht viel über die jüdische Gemeinde meiner Stadt. Weder über die Damalige noch über die von heute. Dieser Gedanke löste erneut Scham aus und machte mich noch trauriger.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich weiterlaufen konnte. Ich hatte mich längst zwischen den Felsen verlaufen und so irrte ich ewig umher, ohne dem Ausgang merklich näher zu kommen. Überforderung breitete sich in mir aus und ich fing an zu weinen. Endlich bog ich irgendwann um die richtige Ecke und lief einer Gruppe lachender Frauen in die Arme, die mir sagen konnten, wo der Ausgang ist. Doch wäre ich lieber noch eine Stunde umhergeirrt, als ihnen zu begegnen.

Deportationswaggon – Denkmal für die Deportierten

Beim Anblick des Wagens erinnerte ich mich zurück an den ersten dieser Art, den ich damals in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gesehen hatte. Der Anblick macht mich sprachlos, weil er für mich so viel Grausames repräsentiert: die Unfreiheit, den Hass, die Todesmaschinerie, die Herabwürdigung, die Entmenschlichung und die Skrupellosigkeit.

Allee der Gerechten unter den Völkern

Die Allee der Gerechten ist fast über das gesamte Gelände verteilt und so las ich hier und dort die Namensschilder der Bäume. Auf dem Weg zum Ausgang fand ich dann den Baum von Oskar und Emilie Schindler. Damit hatte ich mein Ziel erreicht. Denn ich erinnerte mich, dass die ursprüngliche Idee, Israel und Yad Vashem zu besuchen, entstand, als ich zum wiederholten Male den Film Schindlers List sah und in mir der Wunsch aufkam, ihren Baum und die Allee der Gerechten unter den Völkern zu sehen.

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